Skip to Content
Skip to Content
Gesellschaft
14 Minuten

Welche Schulden-Last können wir uns leisten?

- Julian Marx

Nachgehakt: In unserer neuen Rubrik gehen wir Themen nach, die uns im Alltag oder in den Medien immer wieder begegnen. In einer polarisierten Welt möchten wir harte Fakten zu den Themen liefern, die viele Menschen beschäftigen. Diesmal widmen wir uns der Fragestellung:

Die Welt ächzt unter immer höheren Schulden. Mehr als 250 Billionen US-Dollar beträgt der globale Schuldenberg mittlerweile, das ist ein Rekord. Ist es nun an der Zeit, umzudenken?

Schulden spielen in der Öffentlichkeit heutzutage eine prägende Rolle. Dabei tun sie das eigentlich schon sehr, sehr lange. Denn Schulden sind ein wichtiges Instrument für die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft: Sie ermöglichen es, immense Ausgaben zu tätigen, deren Finanzierung andernfalls überhaupt nicht (oder nur unter erheblichen Anstrengungen) dargestellt werden könnte. Beispiele dafür finden sich in der Geschichte zuhauf.

Warum Schulden Wachstum ermöglichen – und Krisen verschärfen können

Auf Ebene der Staaten waren es in der Vergangenheit vor allem Krisen und Kriege, die die Staatschulden immer wieder in die Höhe schnellen ließen. Bereits mit der Schuldenhistorie Großbritanniens ließen sich ganze Bücher füllen. So war das Vereinigte Königreich allein im Laufe des 18. Jahrhunderts in fünf große Kriege verwickelt: den Spanischen Erbfolgekrieg (1701–1714), den Österreichischen Erbfolgekrieg (1740–1748), den Siebenjährigen Krieg (1756–1763), den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775–83) und die Französischen Revolutionskriege sowie Napoleonischen Kriege (1792–1815).

In jedem dieser Kriege verbuchte die britische Regierung Defizite, die in der Spitze bis zu elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) betrugen. Das Ergebnis war ein stetiger Anstieg der Verschuldung – von 22 Prozent des BIP zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf 155 Prozent am Vorabend der Napoleonischen Kriege.

Doch nicht nur Staaten bewältigten enorme Anstrengungen unter Zuhilfenahme von Schulden. Auch Unternehmen wussten fremde Gelder für sich zu nutzen. Ein historisches Beispiel war etwa der Aufstieg der Eisenbahngesellschaften in den Vereinigten Staaten.

Nachdem der US-Bürgerkrieg im Jahr 1865 endete, erlebte der Eisenbahnbau in den Jahren 1866 bis 1873 einen regelrechten Boom. Zu dieser Zeit wurden landesweit 35.000 Meilen an neuen Gleisen verlegt. Die Größe des Eisenbahnnetzes hatte sich binnen weniger Jahre verdoppelt und die Eisenbahngesellschaften stiegen zu den größten nichtlandwirtschaftlichen Arbeitgebern des Landes auf.

Banken und andere Industriezweige investierten ihr Geld in neue Bahnlinien; mit der Konzession bekamen sie üblicherweise auch viele Morgen Land zugewiesen. Manche Hoffnung der Investoren dürfte dabei spekulativer Natur gewesen sein: Wenn sich entlang der hochgezogenen Strecken Menschen ansiedelten und Städte entstünden, würde das den Grundstückswert des zuvor brachliegenden Landes mancherorts in die Höhe katapultieren. Im Erfolgsfall schienen so üppige Gewinne möglich.

Innerhalb kürzester Zeit wurden so Unmengen an Geld in einen Wirtschaftszweig gepumpt, der keine sofortigen Gewinne abwarf. Mit verheerenden Folgen. Die Kosten uferten aus. Über zu lange Zeit verbrannte der Bau der Bahn mehr Geld, als die bereits fertiggestellten Gleisabschnitte in die Kassen spülten. Zahlreiche Investoren hatten sich übernommen.

So auch das angesehene Bankhaus Jay Cooke and Company, das die zweite transkontinentale Eisenbahnstrecke der USA, die Northern Pacific, mitfinanzierte und am 18. September 1873 überraschend seine Pforten schloss.

Schlagartig schlug die Euphorie in Panik um. Eine tiefe Depression folgte. 89 der 364 Eisenbahngesellschaften des Landes gingen in der Folgezeit bankrott. Insgesamt 18.000 Unternehmen meldeten in nur zwei Jahren Insolvenz an. Die Arbeitslosenquote kletterte  bis 1876 auf 14 Prozent. Erst Ende der 1870er-Jahre sollte sich die US-Wirtschaft langsam wieder erholen.

Dem langfristigen Erfolg der Eisenbahn konnte der mehrjährige Wirtschaftskollaps zwar nichts anhaben; bis heute nehmen Züge eine wesentliche Funktion im Waren- und Personenverkehr ein. Den Menschen, deren Leben in den 1870er-Jahren von Massenarbeitslosigkeit und gesellschaftlichen Spannungen geprägt war, hat dies gleichwohl nur wenig genützt.

Das Beispiel zeigt: Schulden sind kein Selbstzweck, sie erfordern einen verantwortungsvollen Umgang. Umso besorgniserregender erscheinen vor diesem Hintergrund die Meldungen von immer neuen Schuldenrekorden.

Staatsschulden weltweit: Rekorde in den USA, China und Japan

Es sind gigantische Summen, die Staaten Jahr für Jahr an den Kapitalmärkten abrufen, um ihre Ausgaben zu finanzieren. Allein die USA hatten Ende vergangenen Jahres einen Schuldenberg in Höhe von 38 Billionen US-Dollar aufgetürmt. In Relation zur Wirtschaftsleistung standen die US-Staatsschulden zuletzt bei ebenfalls rekordverdächtigen 124 Prozent des BIP. Lediglich im Zuge des Zweiten Weltkriegs erreichten die Vereinigten Staaten vergleichbare Schuldenstände.

Mit derartigen Schuldenrekorden besitzen die USA jedoch kein Alleinstellungsmerkmal. Vielmehr greift eine Staatsschuldenmanie um sich, die den gesamten Erdball erfasst. Regeln wie die europäischen Maastricht-Kriterien, die hierzulande eigentlich eine Obergrenze der Staatsschulden von 60 Prozent des BIP vorsehen, haben nur noch wenig mit der gelebten Realität zu tun.

Unter den asiatischen Ländern hat China, die weltweit zweitgrößte Volkswirtschaft, einen der dynamischsten Schuldenanstiege der jüngeren Vergangenheit hingelegt. In absoluten Zahlen haben sich Chinas Staatsschulden in den vergangenen 15 Jahren verzehnfacht, von knapp 14 auf 139 Billionen Yuan. Zeitgleich ist auch Chinas

Staatsschuldenquote hochgeschnellt, von 33 auf 99 Prozent des BIP. Bis das  Reich der Mitte zum globalen Schuldenchampion Japan aufschließen kann, ist allerdings noch ein weiter Weg zu gehen. Nippon kommt auf eine unerreichte Staatsschuldenquote von 207  Prozent der Wirtschaftsleistung.

Aber nicht nur Asien kann Staatsschulden. Brasilien, die größte Volkswirtschaft Südamerikas, steht bei 93 Prozent des BIP. Kanada bildet in Nordamerika eine gute Ergänzung zu den USA und kommt auf eine Staatsschuldenquote von 114 Prozent des BIP.

Auch in Europa gehören Staatsschuldenquoten jenseits der 100-Prozent-Marke zum guten Ton. Zuletzt gehörten Belgien, Frankreich, Griechenland, Italien, Spanien und das Vereinigte Königreich diesem erlesenen Kreis an.

Derzeit ist nicht abzusehen, dass sich die Schuldendynamik in naher Zukunft umkehrt. Im Gegenteil wachsen die Schuldenberge munter weiter. In den USA reiht sich in den kommenden Jahren ein Billionendefizit an das nächste.

Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) liegt das jährliche US-Haushaltsdefizit in den Jahren 2026 bis 2030 bei durchschnittlich knapp 2,6 Billionen US-Dollar. Damit könnte der bestehende Schuldenberg in nur fünf Jahren um weitere 13,1 Billionen US-Dollar anwachsen.

Welche Schulden-Last können wir uns leisten? -

Doch auch die Eurostaaten sind keine Kinder von Traurigkeit. Steigende Sozial- und Verteidigungsausgaben dürften dazu beitragen, dass die Eurostaaten bis 2030 gut 3 Billionen Euro an neuen Schulden machen (vgl. Grafik 1). Läuft das Schuldenfass bald über?

Wann wird eine hohe Staatsverschuldung instabil?

Ein überlaufendes Schuldenfass impliziert, dass die aus den Staatsschulden  resultierenden Belastungen das maximale Füllvolumen des Schuldenfasses überschritten haben. Die Schuldentragfähigkeit wäre also nicht mehr gegeben. Doch genau hier liegt bereits ein wesentliches Problem in der Schuldenanalyse. Denn vermutlich niemand kann das maximale Füllvolumen des Staatsschuldenfasses exakt benennen. Zu vielschichtig sind die Einflussfaktoren.

Ein relevanter Aspekt ist in diesem Zusammenhang, dass die ganz große Mehrheit der Bevölkerung überhaupt kein Interesse daran haben dürfte, die Zahlungswürdigkeit einer US-Regierung oder einer deutschen Bundesregierung infrage zu stellen. Nicht nur, weil sich ein Zahlungsausfall unmittelbar negativ auf den Geldbeutel der Investoren  auswirken würde. Noch weitaus problematischer wären die kaum absehbaren  Konsequenzen einer Staatspleite.

In den USA könnte ein Großteil der gut 70 Millionen Menschen, die eine Alters-, Hinterbliebenen- oder Arbeitsunfähigkeitsrente beziehen, plötzlich ohne Einkünfte dastehen. In Deutschland könnten rund 23 Millionen Rentenbeziehende und Pensionäre im öffentlichen Dienst dieses Schicksal teilen. Darüber hinaus könnten systemkritische Ausgaben für Lehrkräfte, Polizisten oder in die öffentliche Infrastruktur zur Disposition stehen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Eine tiefe Wirtschaftskrise wäre dann wohl unausweichlich. Ein Schreckensszenario,  das nur Verlierer kennen dürfte. Die Krux mit Blick auf die Staatsschulden ist, dass alle, egal ob Staatsgläubiger, Rentner, Büroangestellte oder Schüler auf einen funktionierenden Staatsapparat angewiesen sind, wenn die Zielsetzung lautet, ein geordnetes Zusammenleben von Millionen Menschen in Frieden und Wohlstand zu bewahren. Insofern genießt die Handlungs- und Zahlungsfähigkeit von Staaten oberste Priorität für den Zusammenhalt ganzer Gesellschaften.

Dem lässt sich aber auch Positives abgewinnen. Im Umkehrschluss bedeutet das nämlich, dass die inhärente Instabilität einer hohen Staatsverschuldung durch die tiefe Verwurzelung der zahlreichen (Finanzmarkt-)Akteure mit dem Staat eine gewisse Stabilisierung erfährt. Weil sich einfach niemand eine Staatspleite leisten kann und möchte.

Denn pumpt das Herz nicht mehr ausreichend Blut, wirkt sich das unweigerlich auf die übrigen Organe aus. Auch deswegen werden Staatsemittenten am Anleihemarkt gemeinhin als (relativ) risikoarm wahrgenommen und bilden oftmals die erste Anlaufstelle für zahlreiche Finanzinvestoren.

Wenig überraschend setzen dann auch italienische Banken und Finanzinstitute  zuhauf auf die heimischen Staatspapiere, obwohl Italiens Schuldenquote mit mehr als 130 Prozent des BIP zu den höchsten der Welt gehört. Zuletzt hatten sie mehr als 750 Milliarden Euro in italienische Staatsanleihen investiert.

Warum Staaten selbst sehr hohe Schulden überleben können

Entsprechend mühsam ist es, mögliche Kipppunkte einer „zu hohen“ Staatsverschuldung zu definieren. Dass Staatsschuldenquoten unter Umständen deutlich weiter steigen, als man dies gemeinhin erwartet hätte, belegt dabei nicht nur der aktuelle Schuldenchampion Japan.

Bemerkenswert ist auch die Entwicklung in Großbritannien, für das weit zurückreichende Daten vorliegen und dessen Staatsschuldenquote zeitweise mehr als 250 Prozent des BIP betrug. Nach großen Krisen wie den Napoleonischen Kriegen und den beiden Weltkriegen gelang es dem Vereinigten Königreich immer wieder, seine Schuldenlasten über längere Zeit auf erträgliche Niveaus zu senken, ohne in eine Staatspleite zu rutschen.

Aufgenommene Staatsanleihen wurden stets zurückgezahlt (vgl. Grafik 2). In Ländern mit guten institutionellen Rahmenbedingungen, deren Staatsschulden üblicherweise auch nicht auf Fremdwährungen lauten, müssen daher sogar Staatsschuldenquoten von 200 Prozent des BIP und mehr kein „Todesurteil“ für die Staatsfinanzen darstellen.

Welche Schulden-Last können wir uns leisten? -

In der aktuellen Phase historisch hoher und steigender Staatsschulden gilt das vielleicht sogar umso mehr, nachdem die vergangenen Krisen gezeigt haben, dass geldpolitische Interventionen am Staatsanleihemarkt unter bestimmten Voraussetzungen eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz genießen.

Es ist nur wenige Jahre her, als die Europäische Zentralbank im Rahmen von Eurokrise und Corona-Pandemie mehr als 20 Prozent der Euro-Staatsschulden erworben hatte. Beim aktuellen Staatsschuldenchampion Japan lagen jüngst sogar noch immer fast 40 Prozent der ausstehenden Staatsschulden in den Büchern der Bank of Japan.

Das drückt nicht nur das Renditeniveau von Staatspapieren und damit die staatlichen Zinsausgaben. Im Optimalfall bringt das Wertpapierbuch der Notenbanken sogar noch üppige Gewinnabführungen mit sich – in den 2010er-Jahren schüttete die US-Notenbank Federal Reserve gut 800 Milliarden US-Dollar an die US-Regierung aus.

In Zeiten historisch hoher Staatsschulden spricht entsprechend einiges dafür, dass die Staatsfinanzen nach vorne schauend (weiter) durch einen geldpolitischen Geleitschutz flankiert werden, indem die Zinszahlungen der Staaten im Bedarfsfall begrenzt werden. Instrumente wie das 2022 geschaffene Transmission Protection Instrument ermöglichen es der EZB bereits heute, „ungerechtfertigten, ungeordneten Marktentwicklungen entgegenzuwirken“ und bei Bedarf unbegrenzt Staatsanleihen einzelner Länder zu erwerben. Auch deswegen bestehen glaubwürdige Chancen, dass Deutschland, Japan & Co. ihre heute lebenden Bürgerinnen und Bürger ohne Staatspleite überdauern.

Hohe Zinskosten begrenzen den politischen Handlungsspielraum

Eine positive Sicht auf die Langlebigkeit von Staatsfinanzen bedeutet jedoch nicht, dass es empfehlenswert ist, Staatsausgaben beliebig auszuweiten. Selbst wenn ein Staat angesichts einer hohen Schulden- und Zinslast nicht zwangsläufig in die Staatsinsolvenz rutschen muss, können hohe Schulden den finanziellen Handlungsspielraum natürlich spürbar einengen.

Ein prominentes Beispiel ist Italien, das in den 1990er-Jahren sogar um den Euro-Beitritt bangen musste, weil es vor ungelösten fiskalischen Herausforderungen stand. Letztlich gelang es im Jahr 1997 zwar, das Haushaltsdefizit unter die geforderte Marke von drei Prozent des BIP zu drücken. Daraufhin wurde Italien wieder in das Europäische Währungssystem aufgenommen und führte 1999 den Euro ein. Doch der Schuldenberg blieb, und so startete Italien mit einer stattlichen Staatsverschuldung von 114 Prozent des BIP in das „Experiment“ Euro. Die fällige Rechnung zahlt das Land bis heute.

Zwar wirtschafteten Italiens Politiker seit Bestehen der Euromitgliedschaft – zumindest mit Blick auf den Haushaltssaldo vor Zinsen (Primärsaldo) – verantwortungsbewusster als alle übrigen Eurozonen-Länder. Zwischen 2000 und 2025 erzielte das Land in 20 Jahren einen Primärüberschuss. Deutschland schaffte das immerhin in 13 Jahren, während die Eurostaaten im Schnitt auf knapp elf Jahre kommen. Schlusslicht Frankreich erzielte hingegen in nur zwei Jahren einen Primärüberschuss.

Dennoch fällt die italienische Bilanz tiefrot aus, sobald die Zinslast eingerechnet wird. Italien konnte nicht ein einziges Jahr in diesem Jahrtausend mit einem insgesamt positiven Haushaltssaldo abschließen. Die Gesamtverschuldung war einfach zu hoch. So waren beispielsweise im Jahr 2000 etwa 76 Milliarden Euro Zinsen zu zahlen. Das entsprach seinerzeit rund sechs Prozent des BIP beziehungsweise 14 Prozent der Staatseinnahmen. Insgesamt musste Italien in diesem Jahrtausend rund 1.890 Milliarden Euro allein für Zinskosten aufwenden (vgl. Grafik 3), während die italienischen Staatsschulden im gleichen Zeitraum um „nur“ knapp 1.740 Milliarden Euro angestiegen sind.

Welche Schulden-Last können wir uns leisten? -

Geld, das man sicherlich gerne an anderer Stelle eingesetzt hätte. Somit spiegeln Italiens Primärüberschüsse auch nicht unbedingt einen Konsolidierungswillen italienischer Politiker wider. Vielmehr entfalten die Zinsen an dieser Stelle eine bindende Wirkung und begrenzen den fiskalischen Handlungsspielraum.

Schuldentragfähigkeit: Auf die wirtschaftliche Leistung kommt es an

Einzelne Privatschuldner sind, anders als Staaten, für gewöhnlich nicht von herausragender systemischer Bedeutung. Allein in Deutschland gab es in den vergangenen Jahren mehr als 100.000 Insolvenzen pro Jahr. Grundlegende marktwirtschaftliche Funktionsweisen sind ihnen im Rahmen der Kreditvergabe dennoch gleich. Von zentraler Bedeutung ist dabei die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Schuldners: Denn nur wer (langfristig) über stabile Einnahmen verfügt, wird seine Schulden in der Zukunft bedienen können.

So gesehen können hohe Schulden auch als eine Art Gütesiegel verstanden werden, weil die Schuldentragfähigkeit eines Schuldners definitionsgemäß mit dessen Leistungsfähigkeit korreliert.

Schuldner, die nicht genügend „PS“ auf die Straße bringen, haben es oft entsprechend schwerer, (überhaupt) einen Kreditgeber zu finden. Besonders deutlich wird das beim Blick auf einige idealtypische Beispiele (vgl. Grafik 4).

Welche Schulden-Last können wir uns leisten? -

Gemäß der IWF-Datenbank zur globalen Verschuldung gehören die Privathaushalte Pakistans zu den am niedrigsten verschuldeten der Welt. Dort lagen die Haushaltsschulden im Jahr 2024 bei gerade einmal zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dass die Schuldenquote derart niedrig ist, hat jedoch ernste Hintergründe. Das südasiatische Land steht vor gewaltigen Herausforderungen.

Rund die Hälfte der Staatseinnahmen muss für Zinskosten aufgewendet werden. Die Alphabetisierungsrate beträgt bei Männern gerade einmal knapp 70 Prozent, bei Frauen sogar weniger als 50 Prozent. Das Pro-Kopf-BIP Pakistans  lag im vergangenen Jahr bei mageren 1.700 US-Dollar, was lediglich drei Prozent des deutschen Niveaus entspricht.

Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gehen zudem davon aus, dass mehr als 80 Prozent der Arbeitnehmer in informellen Beschäftigungsverhältnissen arbeiten, also nicht staatlich registriert sind und somit auch keinen gesetzlichen Schutz genießen.

Doch ohne sichere Einkünfte fehlt den allermeisten Menschen in Pakistan bereits die Grundlage, um überhaupt als kreditwürdig eingestuft werden zu können. Für viele pakistanische Haushalte ist der Traum, mehr und höherwertigen Wohnraum für die eigene Familie zu finanzieren, reines Wunschdenken. Die niedrigen Haushaltsschulden Pakistans sind daher zuallererst der prekären wirtschaftlichen Situation im Land geschuldet.

Im Vergleich dazu steht die Welt in mehr als 5.000 Kilometern Entfernung auf dem Kopf. Denn die Schweiz weist die weltweit höchste Schuldenquote unter den Privathaushalten auf – sie beträgt stolze 125 Prozent des BIP. Gleichzeitig verfügt das kleine Alpenland aber auch über eine extrem leistungsfähige Volkswirtschaft. Ein Pro-Kopf-BIP von mehr als 100.000 US-Dollar gehört zu den höchsten der Welt.

Aber nicht nur die Einkommenssituation spricht für eine gesunde Schuldentragfähigkeit der Schweizer Haushalte. Zudem stehen den Schulden werthaltige Vermögen gegenüber. Bei mehr als 90 Prozent der Schweizer Haushaltsschulden handelt es sich schließlich um Immobilienkredite. Und dass die Schweizer Schulden im internationalen Vergleich derart hoch ausfallen, hat sicherlich auch mit der steuerlichen Abzugsfähigkeit von Baukreditzinsen zu tun: So ist von zehn Hauseigentümern in der Schweiz in der Regel nur einer schuldenfrei. Eine im internationalen Vergleich außergewöhnlich niedrige Quote.

Gibt es eine maximale Schuldenquote?

Die Extrembeispiele der pakistanischen und Schweizer Haushalte zeigen, wie schwer es ist, allgemeingültige „Schuldenobergrenzen“ zu definieren. Im Fall der Schweiz sind theoretisch sogar noch höhere Schuldenquoten bei den Privathaushalten denkbar. Denn nach Angaben des Schweizer Bundesamts für Wohnungswesen werden im Alpenland gerade einmal 36 Prozent aller dauernd bewohnten Wohnungen von ihren Eigentümern selbst bewohnt. Die niedrigste Eigentumsquote unter allen europäischen Ländern. Ein höherer Anteil von Haushalten mit selbstgenutztem (kreditfinanziertem) Wohneigentum könnte die Schuldenquote im Mieterland Schweiz folglich sogar noch erhöhen.

Für die pakistanischen Haushalte sind deutlich höhere Schuldenquoten hingegen kaum vorstellbar. Trotz der momentan kaum vorhandenen Verschuldung. Dazu bräuchte es zunächst spürbare Verbesserungen mit Blick auf die prekäre wirtschaftliche Situation

im Land. Noch sind die mehrheitlichen Haushalte kaum kreditwürdig. Im Grunde genommen geht es hin[1]sichtlich der Schuldentragfähigkeit also darum, ob ein Schuldner seinen Schuldendienst glaubwürdig leisten kann. Eine solche Beurteilung kann allerdings niemals statischer Natur sein, da sie einer Vielzahl dynamischer Einflussfaktoren unterliegt. Institutionelle Rahmenbedingungen eines Landes verändern sich im Zeitablauf ebenso wie dessen reale Wirtschaftskraft.

Positive Inflationsraten sorgen durch eine laufende Altschuldenentwertung für Entlastung hinsichtlich der Schuldentragfähigkeit, während Zinszahlungen die Verbindlichkeiten erhöhen. Mit Blick auf das Zinsniveau besitzen die Notenbanken allerdings einen mächtigen Hebel, um die Schuldentragfähigkeit zu erhöhen. Das haben sie in den vergangenen Krisen eindrucksvoll bewiesen.

Gut möglich, dass sie diesen Hebel in Zeiten steigender (Staats-) Schulden eines Tages erneut umlegen. Auch deswegen ist aus Staatsschuldensicht mancherorts vielleicht weniger die Frage, welche Schuldenlast wir uns leisten können, sondern vielmehr, welche wir uns leisten möchten.

Dabei sind Schulden nicht nur unmittelbar mit Zinskosten verbunden. Nachgelagert stellen sich auch weitere Fragen – zu möglichen Inflationsrisiken oder der Generationengerechtigkeit, wenn zukünftige Generationen etwa regelmäßig für Schulden mit konsumtivem Charakter aufkommen müssen. Umgekehrt sollten wesentliche Investitionen aber auch nicht beliebig in die Zukunft verschoben werden, was kurzfristig höhere Schulden rechtfertigen kann. Ein andauernder Balanceakt.

Dass sich „maximale“ Schuldenstände in diesem Zusammenhang nicht mal eben quantifizieren lassen, ist einerseits unbefriedigend. Es gibt aber auch Hoffnung, dass das Ende der Fahnenstange selbst in Zeiten rekordhoher und steigender (Staats-)Schuldenstände nicht so schnell erreicht ist. Die Schuldenhistorie Großbritanniens ist bereits mehr als 200 Jahre alt. Dementsprechend ist der aktuelle Schuldenzyklus vielleicht auch nur ein kurzer Zwischenhalt auf einer langen, langen Reise.


Der Beitrag stammt aus der aktuellen Ausgabe unseres Magazins „POSITION“, in der wir neben dem globalen Schuldenberg auch die Herausforderungen an den Anleihemärkten und die Zukunft der Altersvorsorge beleuchten.

Glossar

Verschiedene Fachbegriffe aus der Welt der Finanzen finden Sie in unserem Glossar erklärt.

Die neueste Ausgabe der POSITION

Der falsche Held

Haben Sie den „Helden“ auf dem Cover dieser Ausgabe erkannt? Nicht? Machen wir es kurz: Pac-Man soll es sein, Held aus dem Hause Namco und damit der Welt der Videospiele in den frühen 1980er-Jahren. Wobei er in unserem Falle eher als tragischer Held taugt, denn seine Silhouette ähnelt der einer Kuchengrafik, die wir auf Seite 24 abgedruckt haben. Sie zeigt, woraus sich in Deutschland die Rente der Ruheständler heute im Wesentlichen speist – aus der gesetzlichen Rentenversicherung. Für eine alternde Gesellschaft wie der unsrigen bedeutet das in Zukunft gewiss nichts Gutes ...

RECHTLICHER HINWEIS

Diese Veröffentlichung dient unter anderem als Werbemitteilung.

Die in dieser Veröffentlichung enthaltenen Informationen und zum Ausdruck gebrachten Meinungen geben die Einschätzungen von Flossbach von Storch zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder und können sich jederzeit ohne vorherige Ankündigung ändern. Angaben zu in die Zukunft gerichteten Aussagen spiegeln die Zukunftserwartung von Flossbach von Storch wider, können aber erheblich von den tatsächlichen Entwicklungen und Ergebnissen abweichen. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit kann keine Gewähr übernommen werden. Der Wert jedes Investments kann sinken oder steigen und Sie erhalten möglicherweise nicht den investierten Geldbetrag zurück.

Mit dieser Veröffentlichung wird kein Angebot zum Verkauf, Kauf oder zur Zeichnung von Wertpapieren oder sonstigen Titeln unterbreitet. Die enthaltenen Informationen und Einschätzungen stellen keine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung dar. Sie ersetzen unter anderem keine individuelle Anlageberatung.

Diese Veröffentlichung unterliegt urheber-, marken- und gewerblichen Schutzrechten. Eine Vervielfältigung, Verbreitung, Bereithaltung zum Abruf oder Online-Zugänglichmachung (Übernahme in andere Webseite) der Veröffentlichung ganz oder teilweise, in veränderter oder unveränderter Form ist nur nach vorheriger schriftlicher Zustimmung von Flossbach von Storch zulässig.

Angaben zu historischen Wertentwicklungen sind kein Indikator für zukünftige Wertentwicklungen.

© 2026 Flossbach von Storch. Alle Rechte vorbehalten.