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Aktien
8 Minuten

Der Kater am Ende

- Kurt von Storch

Das Thema Künstliche Intelligenz treibt die Börsen an. Viele Anlegerinnen und Anleger, insbesondere die etwas „Älteren“, fühlen sich an den Internethype zur Jahrtausendwende erinnert – zu Recht?

Geschichte wiederholt sich nicht – aber sie reimt sich zuweilen, heißt es. Die Verheißungen der Künstlichen Intelligenz (KI), gigantische Investitionen in ebendiese, der Boom der Techaktien – all das weckt Erinnerungen an die Dotcomblase vor rund 25 Jahren. Und deren Platzen ...

Technischer Fortschritt bewegt die Menschen, seit jeher. Er verändert unsere Arbeit. Er verändert unsere Konsumgewohnheiten. Ja, er verändert unser aller Leben. Er schafft neue Arbeitsplätze, andere dagegen bedroht er. Er verheißt Wachstum, aber eben nicht für alle Industriezweige, nicht für alle Branchen.

Die Börseöspiegelt diese Perspektiven wider. All jene Unternehmen, die in Verdacht stehen, zu den Profiteuren des Innovationsschubs zu gehören, werden mit reichlich Vorschusslorbeeren bedacht. Ihre Aktienkurse steigen von einem Rekord zum nächsten.

Defensive Titel werden links liegen gelassen

Titel von Unternehmen, die nicht unmittelbar von den Neuerungen der Technik profitieren, werden dagegen links liegen gelassen – viel zu langweilig! Genauso ist es dieser Tage. Die Aktien der großen US-Techkonzerne dominieren die Indizes, während Titel aus eher „defensiven“ Branchen, dem Konsum- oder Pharmasektor etwa, nahe ihrer Zehn-Jahres-Tiefs notieren.

Wie lange hält der KI-Hype?

Die große Frage lautet: Wie lange währt die KI-Begeisterung an den Börsen? Ich weiß es nicht. Neue große Wachstumsfelder sind naturgemäß ein Magnet für Anleger. Es gibt aber keinen Boom, der nicht irgendwann in Übertreibung und schlussendlich in Tränen endet.

Das war auch in der Interneteuphorie zur Jahrtausendwende so, obwohl in den folgenden Dekaden selbst die kühnsten Erwartungen weit übertroffen wurden. Viele der vermeintlichen Profiteure sind auf der Strecke geblieben, neue hinzugekommen.

Und selbst die Unternehmen, die heute noch „im Rennen“ sind, hatten zwischenzeitlich bis zu 90 Prozent ihres Börsenwerts eingebüßt. Die Aktie von Cisco zum Beispiel, einem der großen Internetprofiteure, hat erst kürzlich, nach 25 Jahren, den Höchststand aus dem Jahr 2000 wieder erreicht, wenngleich ohne Dividenden.

Warum nicht Nvidia?

Im Grunde beantwortet das auch ein Stück weit die Frage, die wir dieser Tage häufig von unseren Kunden und Anlegern gestellt bekommen: Warum seid ihr mit euren Investments in die Techindustrie eher zurückhaltend? Ein Unternehmen wird meist konkret genannt. Warum nicht Nvidia?

Weil wir uns schlicht nicht zutrauen, dessen langfristige Ertragsperspektiven einigermaßen seriös einzuschätzen. Ja, Nvidia ist zweifellos ein hervorragendes Unternehmen, mit hervorragendem Management. Die jüngsten Unternehmenszahlen waren zudem beeindruckend – einmal mehr!

Es gibt aber unseres Erachtens mehr Szenarien, in denen sich der Aktienkurs halbieren könnte, als dass er sich ein weiteres Mal verdoppelt. Kein Sektor ist so disruptiv wie der Techsektor. Nirgendwo sonst werden die Gewinner von heute so schnell zu Verlierern von morgen.

Es kann nicht nur Gewinner geben

Für Nvidia muss das nicht gelten, kann es aber. Die gewaltigen Investitionen der Techriesen in KI sind Beleg dafür, wie groß die Sorge ihres Managements ist, im Wettrennen um künftige Geschäftsfelder (von denen heute niemand wirklich weiß, wie ertragreich sie sein werden) den Anschluss zu verlieren.

Eines ist gewiss: Es kann nicht nur Gewinner geben. Es wird nicht nur Gewinner geben!

Dessen sind wir uns bewusst. Der Internethype zur Jahrtausendwende, die gewaltigen Erwartungen damals und das schmerzhafte Ende des Booms, der Kater am Ende – diese Phase war immens wichtig für uns als Investoren und für das gesamte, damals noch sehr junge Unternehmen Flossbach von Storch. Wir haben gelernt, wie wichtig es ist, keine Luftschlösser zu bauen. Sich selbst und seinen Kunden nichts vorzumachen. Sich treu zu bleiben.

Vermögen erhalten

Eine klare Investmentphilosophie zu haben. Wer Geld an der Börseöanlegt, insbesondere für andere, der muss demütig sein – und bleiben. Der sollte nicht einfach so der Musik hinterhertanzen, auch wenn das heißt, zeitweise hinter dem tanzenden Markt zurückzubleiben. Solche Phasen hat es in der Vergangenheit immer wieder geben; und sie wird es auch in Zukunft geben. Das nehmen wir billigend in Kauf.

Wir denken nicht in Kalenderjahren, sondern sehr viel langfristiger. Wir denken wie Kaufleute. Unser implizites Wertversprechen ist es, Vermögen zu erhalten und über die Zeit auskömmliche Erträge für unsere Kunden und Anleger zu erwirtschaften. Sie ruhig schlafen zu lassen, auch wenn es draußen mal wieder stürmt und donnert.

Das tun wir, indem wir Vermögen möglichst breit aufstellen.

In der Diversifikation spiegelt sich die Einsicht des Investors wider, die Zukunft nicht vorhersagen zu können, sich aber – so gut es geht – wappnen zu wollen. Diversifikation bedeutet aber nicht nur, ein Vermögen auf verschiedene Anlageklassen und Einzeltitel aufzuteilen. Das wäre viel zu kurz gesprungen. Ein Vermögen sinnvoll zu streuen, bedeutet auch, es auf verschiedene Währungsräume aufzuteilen. Ein Investor aus dem Euroraum beispielsweise tut gut daran, nicht all sein Geld in der Heimatwährung zu disponieren, sondern auch in ‚robusteren‘ Währungen – in Währungsräumen, die weniger verschuldet sind, grob vereinfacht.

Währungen haben aber noch eine weitere Komponente. Denn es geht nicht nur darum, in welcher Währung Anleihe oder Aktie notieren. Sondern auch darum, in welchen Währungen ein Unternehmen, dessen Aktie oder Anleihe ein Investor hält, den Großteil seines Geschäftes abwickelt. Für die Gewinnaussichten eines Konzerns aus der Eurozone, der den Großteil seiner Umsätze im US-Dollarraum erzielt (und über die US-Währung abrechnet), ist die Währungsentwicklung sehr bedeutsam. Auch das muss ein Investor bei seinen Anlageentscheidungen berücksichtigen.

Wie hoch sollte der Aktienanteil sein?

Aber selbst wenn er all das getan hat – das Vermögen aufgeteilt auf verschiedene Anlageklassen, Einzeltitel und Währungen – muss er die einzelnen Bausteine noch sinnvoll zusammenfügen. Wie hoch sollte der Aktienanteil bemessen sein? Was bedeutet das für den Rentenanteil, der die Portfolioentwicklung stabilisieren soll? Und wie hoch muss der Goldanteil (auch in Relation zu den anderen Anlageklassen) sein, damit das Edelmetall seiner Versicherungsfunktion gerecht werden kann?

Die Zusammenstellung eines Portfolios leitet sich aus dem Kapitalmarktumfeld ab – und sie sollte sich im Zeitverlauf flexibel anpassen lassen.

Ganz wesentliches Merkmal einer robusten Anlagestrategie sollte zudem die Qualität der Anlagen sein, in die ein Anleger investiert. Wetten auf kurzfristige Trends und Moden sind an der Börseönicht selten ein Glücksspiel. Viel wichtiger ist es, auf die Substanz einer Anlage zu schauen, die Höhe der Erträge, die sie langfristig abwirft, und vor allem deren Vorhersehbarkeit.

Investoren sollten sich deshalb stets fragen, wie robust das Geschäftsmodell einer Firma und die Erträge sind, die es erwirtschaftet? Qualität setzt sich langfristig durch – das gilt auch bei der Geldanlage. Im Krisenfall gilt das umso mehr. Im Fokus eines Investors sollten deshalb Unternehmen stehen, die selbst größere Krisen weitgehend schadlos überstehen können und dann gestärkt aus ihnen hervorgehen (können).

Flexibilität ist ebenfalls wichtig. Nur wer ein Liquiditätspolster hat, ist in der Lage, Anlagegelegenheiten zu nutzen, sollten sie sich ihm bieten. Früher oder später wird genau das passieren. Das allein reicht aber nicht aus. Der Begriff Flexibilität und damit auch der Begriff Liquiditätäsollten sehr viel weiter ausgelegt werden. Jede Anlage, die potenziell interessant sein könnte für einen Investor, muss vor Erwerb daraufhin geprüft werden, wie leicht sie sich bei Bedarf veräußern lässt. Was nützt ein ansonsten sehr interessantes Investment, wenn es im Ernstfall keinen Markt dafür gibt?

Sich nicht von Übertreibungen leiten lassen

Anleger sollten zudem auf Solvenz achten. Die eigene, aber auch die Solvenz desjenigen, dessen Aktien oder Anleihen sie kaufen. Solvenz ist die Voraussetzung für Unabhängigkeit und Handlungsfähigkeit; hohe Schulden dagegen sind die häufigste Ursache für den Konkurs und den Verlust eines Vermögens. Auch das zeigt sich in Krisenphasen umso deutlicher.

Der Preis ist das, was man zahlt – der Wert, was man dafür bekommt. Wie gute Kaufleute das beim An- und Verkauf ihrer Waren tun, sollten Anleger den Wert der Unternehmen, in die sie investieren möchten, genau prüfen. Ist der Preis möglicherweise viel höher, als die potenzielle Anlage wert ist? Oder ist der Preis angemessen, besser sogar niedriger als der tatsächliche Wert? Anleger sollten sich niemals von den Übertreibungen an den Börsen leiten lassen, sondern stets versuchen, den Blick auf den wahren Wert einer Anlage zu richten.

Diversifikation, Qualität, Flexibilität, Solvenz und Wert – wir haben diese fünf Begriffe in den frühen 2000er-Jahren für uns formuliert und zu unserem Flossbach von Storch-Pentagramm zusammengeführt. Fünf Leitlinien, an denen sich alle unsere Anlageentscheidungen messen lassen müssen. Auch in Zukunft!

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