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Gesellschaft
6 Minuten

Der digitale Euro wird zum Flop

- Prof. Dr. Thomas Mayer

Der digitale Euro soll Europas Antwort auf Kryptowährungen sein – doch schon jetzt wirkt das Projekt veraltet. Zu langsam, zu stark reguliert und am Bedarf vorbei. Droht der nächste große EU-Flop?

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt schleicht das Projekt einer digitalen europäischen Zentralbankwährung voran. Seit vergangenem November ist das „Eurosystem“, der Zusammenschluss der Zentralbanken des Euroraums, dazu übergegangen, die möglichen Eigenschaften und Infrastruktur des digitalen Euros zu testen.

Gleichzeitig ringt die EU-Gesetzgebungsmaschine dieses Jahr um die rechtlichen Rahmenbedingungen. Im Lauf des Jahres 2029 soll der digitale Euro dann schließlich eingeführt werden.

Digitaler Euro: Status, Zeitplan und Entwicklung bis 2029

Der zeitliche Kriechgang und das, was bisher über die wahrscheinliche Ausgestaltung der Digitalwährung bekannt geworden ist, lassen erwarten, dass das Projekt – nach der „Lissabon-Strategie“ von 2000 (wettbewerbsfähigster Wirtschaftsraum der Welt) und dem „Green Deal“ (Klimaneutralität bis 2050) – zum nächsten Flop der Europäischen Union werden dürfte.

Denn während der nächsten drei Jahre dürfte sich die Szene der digitalen Währungen so dynamisch weiterentwickeln, dass die jetzt im Schneckentempo voran kriechenden EU-Regulierungen bis dahin schon wieder veraltet sein dürften.

Warum der digitale Euro hinterherhinkt

Nötig wäre jetzt ein allgemeiner Ordnungsrahmen, in dem Raum für Anpassungen in der Zukunft besteht. Außerdem scheinen die EU-Behörden unter dem Druck der Bankenlobby die Geldhaltung in digitalen Euros (die „Wallets“) auf höchstens 3000 Euro begrenzen zu wollen.

Da ein Wallet bei Entleerung in Echtzeit (nach dem „Wasserfallprinzip“) aus einem Bankkonto aufgefüllt werde, so heißt es, könne der digitale Euro trotz des Limits auch für große Zahlungen genutzt werden. Aber wer braucht schon einen digitalen Euro für Zahlungen im Jahr 2029, wenn im Euro-Raum schon jetzt SEPA-Sofortüberweisungen möglich sind?

Und wenn in den USA Dollar-Stablecoins für grenzüberschreitende Zahlungen ebenfalls schon heute bereitstehen? Niemand.

Zentralbankgeld vs. Bankeinlagen: Was Bürger wirklich wollen

Dagegen wären viele Bürger und Unternehmen froh, wenn sie als Alternative zu privaten Bankeinlagen Zentralbankgeld direkt halten könnten. Noch ist die Erinnerung an die Finanzkrise von 2008/09 und die Eurokrise von 2010 bis 2012 nicht vollständig verblasst, als Banken zu kippen und die dort liegenden Einlagen verlorenzugehen drohten.

Mancher hortete in dieser Zeit Bargeld, und größere Vermögensverwalter spielten mit dem Gedanken, eine Banklizenz zu erwerben, um Geld von der Zentralbank verwahren zu lassen.

Die Begrenzung des Wallets für den digitalen Euro dient nur dazu, das Monopol der Banken auf digitales Geld zu schützen. Banklobbyisten verweisen darauf, dass die Wirtschaft in Europa von Bankkrediten abhängig ist. Würde den Bürgern erlaubt, Geld in von der Europäischen Zentralbank emittierten digitalen Euros zu halten, gingen den Banken die Einlagen verloren, die sie für die Kreditvergabe brauchten.

Kapitalmärkte statt Banken: Was wirklich Wachstum schafft

Dieses Argument ist aus zwei Gründen falsch. Erstens schaffen die Banken „Einlagen“ selbst, indem sie Kredite vergeben und dem Schuldner das geliehene Geld auf einem Konto gutschreiben. Bankengeld ist also ein Finanzierungsinstrument, das sich von anderen nur dadurch unterscheidet, dass die Banken Parität zum Zentralbankgeld garantieren.

Zweitens könnten Banken von der EZB emittierte digitale Euros in Einlagen sammeln und daraus Kredite vergeben – also das tun, was sie oft vorgeben, aber nicht wirklich tun.

Im Übrigen neigen Banken dazu, ihre Rolle für die Wirtschaft zu überschätzen. Sie sind wichtig für die Finanzierung von Immobilien und kleineren Krediten an die gewerbliche Wirtschaft und Konsumenten. Aber für Innovationen und Wirtschaftswachstum braucht es die Kapitalmärkte.

Der Text entstammt der regelmäßig erscheinen Kolumne von Thomas Mayer in der Wochenzeitung Welt am Sonntag.

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