15.06.2021 - Flossbach von Storch

„Keine Angst vor Inflation“


„Keine Angst vor Inflation“

Steigende Preise schrecken viele Aktionäre. Sie fürchten steigende Zinsen, die Sachwerte weniger attraktiv machen sollen. Ein Interview mit Thomas Mayer über Inflations-Irrtümer. 

Herr Mayer, die Wirtschaftsaussichten werden besser und die Preise steigen wieder. An den globalen Aktienmärkten wächst die Angst vor Inflation. Ist sie berechtigt?

Thomas Mayer: Angst ist bekanntlich ein diffuses Gefühl. Damit man sie überwinden kann, muss man sie ergründen. Wovor genau haben die Anleger also Angst? Eine Frage, die neben den volkswirtschaftlichen Grundlagen auch einer psychologischen Analyse bedarf.

Dann legen wir mal los.

Da wären zuerst einmal die Angebotsengpässe und Preissteigerungen bei Rohstoffen und Zwischenprodukten. Ein bekanntes Beispiel wäre etwa die Knappheit an Halbleitern, die zu Einschränkungen in der Produktion vieler elektronischer Konsum- und Investitionsgüter führt. Der Anstieg von Rohstoffpreisen und Frachtraten treibt die Produktionskosten fast aller Produkte. Der Preis von Bauholz beträgt in den USA erreichte das Vierfache seines Durchschnitts von 2019. Auf den Weltmärkten bezahlt man im Mai für Kupfer 75 Prozent und für Stahl 67 Prozent mehr als im Jahr 2019. Die Frachtraten für Container sind um 64 Prozent gestiegen.

Welchen Effekt haben steigende Rohstoffpreise?

Höhere Kosten können aber nur in höhere Preise überwälzt werden, wenn die Kunden reichlich Geld in der Tasche haben. Daran dürfte es nicht scheitern. Fasst man die USA, Euro-Zone und Japan zusammen, ist die Geldmenge im Verlauf des letzten Jahres um gut 20 Prozent mehr gestiegen als das nominale Bruttoinlandsprodukt. Dank großzügiger Anleihekäufe der Zentralbanken ist ein gewaltiger Geldüberhang entstanden, der viel Raum für Preiserhöhungen bei Konsumgütern bietet. Doch ein Anschub über höhere Rohstoffpreise dürfte nicht dafür ausreichen, dass die Produzenten diesen Raum füllen.

Was müsste passieren, damit die Inflation massiv steigt?

Der Rückblick in die 1970er-Jahre zeigt, dass die Inflation erst dann richtig in Schwung kommt, wenn nach den Rohstoffpreisen auch die Löhne steigen. Davon ist heute weder in Europa noch in den USA viel zu sehen. Allerdings laufen die Löhne der Konjunktur oft hinterher. Ebbt die Corona-Pandemie weiter ab und gewinnt die Konjunktur dieses Jahr an Fahrt, könnten sich Lohnsteigerungen nächstes Jahr und danach durchaus wieder als Schwungrad für die Inflation der Konsumentenpreise erweisen.

Drohen Einbrüche am Aktienmarkt?

Für die Aktienmärkte wäre ein solches Szenario wohl verkraftbar. Denn die Gewinne der Unternehmen bräuchten nicht zu leiden, wenn höhere Kosten für Rohstoffe und Arbeitskräfte in die Preise überwälzt werden können. Einbußen entstehen nur dann, wenn die Zentralbanken aus Furcht vor Inflation die Nachfrage mit deutlich höheren Zinsen dämpfen würden. Dadurch würde der Spielraum für die Überwälzung der gestiegenen Kosten in die Preise verringert, die Gewinnmargen würden schrumpfen und die Aktienpreise wie zu Beginn der 1980er-Jahre fallen.

Wäre eine Situation wie in den Achtzigern auch heute denkbar?

Eher nicht. Das geldpolitische Umfeld ist völlig anders. Heutzutage können sich die Zentralbanken steigende Zinsen und fallende Aktienpreise nicht mehr leisten. Denn das würde ihre hoch verschuldeten Staaten in Schwierigkeiten bringen und die Konjunktur kippen lassen.

Die Angst der Aktionäre vor einer "Furcht der Zentralbanken vor Inflation" erscheint also unbegründet.

Zumindest in den nächsten Jahren. Auch wenn die Inflation steigt, werden die Zentralbanken aktuell wenig dagegen tun können. Sie haben sich längst in die Gefangenschaft der Staaten und Finanzmärkte begeben und ihre Kraft zur Inflationsbekämpfung verloren. Ihnen bleibt nur noch übrig, den Furchtlosen zu spielen. Nicht umsonst hat die US-Notenbank Federal Reserve in den USA ihre geldpolitische Strategie der neuen Lage schon längst angepasst und verkündet, dass sie ein Anstieg der Inflation über ihren Zielwert künftig nicht bekümmern würde.

Und in Europa?

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Anpassung ihrer Strategie noch nicht abgeschlossen. Aber Isabel Schnabel, deutsche Exekutivdirektorin der EZB, hat die Märkte schon mal wissen lassen, dass ihr eine deutsche Inflationsrate von mehr als drei Prozent keine Furcht einflößen könne. Sie weiß ganz genau: In einem Währungsraum mit sehr unterschiedlichen, politisch unabhängigen, wachstumsschwachen und hoch verschuldeten Volkswirtschaften können deutliche Zinserhöhungen schwerwiegende Folgen haben. Hier geht es um die Zukunft des Euro, einer Währung, die es ohne die tatkräftige Hilfe der Notenbank vielleicht schon gar nicht mehr geben würde.

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute

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